über Gaarden

Wir über uns

Echte Gaardener

Die Zeitzeugen eint ein besonders intensives Verhältnis zum Stadtteil, selbst wenn die meisten dort gar nicht mehr leben. Mein Gaarden, schreibt Heinz P., Jahrgang 1925, in seinen Lebenserinnerungen und ...ist noch heute stolz und froh, ein echter Gaardener Jung zu sein.
Der Sohn eines Arbeiters auf dem Schlachthof wuchs in der Kieler Straße in einfachen Verhältnissen auf. Zu seinen als schön beschriebenen Erinnerungen gehört das Hämmern und Lärmen bei Tag und Nacht, wenn die riesigen Schiffsplanken und -körper vernietet wurden. Hier wuchs ich heran, zwischen grauen, eher hässlich wirkenden Häusern und holprigen, schmalen Straßen.
Drei große Werften, die Krupp-Germania-werft, die Kaiserliche Werft, später Deutsche Werke Kiel, und die Howaldtswerke bestimmten bis zum Ende des Zweiten Welt-krieges den Alltag in Gaarden. Als Kiel 1871 zum Reichskriegshafen ernannt wurde, forcierte man den Ausbau der Werften auf dem Ostufer der Kieler Förde zu großen und modernen Industriekomplexen. Im dörflichen Hinterland entstanden in relativ kurzer Zeit städtische Siedlungen, so auch in den beiden Gemeinden fürstlich und klösterlich Gaarden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Kiel eingemeindet wurden. Hier ließen sich vor allem Werftarbeiter mit ihren Familien nieder. Zu Gaarden gehörten aber von Anfang an auch kleine Betriebe, Handwerker, Kaufleute, Angestellte und| Beamte. Ein Nebeneinander von proletarischer und bürgerlicher Kultur bestimmte das soziale Gefüge im Stadtteil.
Schulstrasse 1941

Oh, du kommst aus Gaarden...

Von außen sah man oft mit Geringschätzung auf den Stadtteil am Ostufer. Rosemarie Fr., Jahrgang 1929, kam als Kind von Kiel nach Gaarden. Der Vater musste sein Friseurgeschäft auf dem Westufer aus finanziellen Gründen aufgeben, die Familie bezog 1936 eine billigere Wohnung in der Elisabethstraße.
Es war ein Sommertag. Ich hatte einen Strohhut auf. Ich war ja acht Jahre alt. Es war menschenleer. Nur Kinder spielten auf der Straße. Es war langweilig da. Ich sah diese große, lange Straße vor uns liegen. Es machte so einen deprimierenden Eindruck. Auch die Häuser waren so hoch und so unfreundlich. Von vorn herein hatte ich das Gefühl, hier möchte ich nie wohnen. Meine Schwester ist gar nicht mitgekommen. Die war acht Jahre älter als ich. Denn nach Gaarden ging sie ja nicht.
Die Abneigung legte sich bald durch den Kontakt zu den für Rosemarie Fr. ungewohnt vielen Kindern, die damals in den Straßen und Höfen spielten. Neben den Kindern hat auch die Masse der Arbeiter das Bild der Gaardener Straßen geprägt. Rosemarie Fr. erzählt:
Wenn Werftschluss war, kamen alle Arbeiter zur gleichen Zeit raus. Unten gingen die Werfttore auf und die Sirene ging. Das war am Fuß der Elisabethstraße. Frauen standen am Tor, um den Männern das Geld abzunehmen. Damit sie nicht in die Kneipe gehen oder in das Kaufhaus Erwege. Es war eine Masse Mensch, die die Elisabethstraße hochkam. So als würde man sich heute eine Demo vorstellen. Die hatten ihre leeren Aktentaschen unter den Arm geklemmt. Das Essen hatten sie aufgegessen. So zogen sie hoch. Die Männer waren schleppenden Fußes. Die waren abgearbeitet.
Der Vater von Siegfried G.,
geb. 1932, war Kesselschmiedemeister auf der Germaniawerft. Das Wissen um den Wert der harten Arbeit zieht sich durch die Erzählungen des Sohnes.
Dass die Werftarbeit hauptsächlich dem Kriegsschiffbau diente, dämpfte jedoch den Stolz:
Vom U-Bootbau hat er nie etwas erzählt. Das war ja auch nachher alles restlos zerstört, die U-Boote liefen aus und am nächsten Tag waren sie schon in der Ostsee abgesoffen
Die gesunkene "Admiral Scheer"
Das zerstörerische Potential der Rüstungsindustrie haben die Zeitzeugen immer wieder erlebt. Nach dem Krieg lag das zerstörte Werftgelände lange Zeit brach, was viele um einen Arbeitsplatz brachte. Pläne, hier ausschließlich eine "Friedensindustrie" anzusiedeln, ließen sich nicht verwirklichen. Trotzdem haben die Zeitzeugen Gaarden als einen lebendigen Stadtteil in Erinnerung, der ihnen zur Heimat geworden ist und über den es viel zu erzählen gibt.